
"Cycling Cities" im Zirkuszelt in Bad Boll
Fahrradvisionen unterm Zirkuszelt
Die Bad Boller Grüne Liste lud am 14.10. zum Kinoabend im Zirkuszelt ein. Der Filmemacher Ingwar Perowanowitsch zeigte seinen Film "Cycling Cities" und ging ins Gespräch mit etwa 60 Zuschauerinnen und Zuschauern. Träumen war erlaubt!
„Ein Zirkus ist für mich ein magisches Schauspiel, das wie ein Weltgeschehen vorbeizieht." Für Marc Chagall war der Zirkus Inspiration für seine Kunst. Wie ein magisches Schauspiel mutete für manche Fahrradfahrerin auch eine Filmvorstellung im gut beheizten Zelt des Kinderzirkus Maroni an, zu der die Bad Boller Grüne Liste eingeladen hatte. Im Film "Cycling Cities" werden europäische Städte vorgestellt, die über Jahre hinweg viel für den Radverkehr getan haben. Wer aus dem zahlreich erschienenen Publikum im Landkreis Göppingen viel Rad fährt, hatte fast Tränen in den Augen angesichts der gut ausgebauten und geschützten Radwege, eleganter Fahrradbrücken, Fahrradparkhäuser und der spürbaren Wertschätzung für Fahrradfahrer in den Cycling Cities.
Der Filmemacher Ingwar Perowanowitsch, der an diesem Abend in Bad Boll anwesend war und mitdiskutiert hat, hat diese Städte mit seinem Fahrrad bereist und mit den dortigen Verantwortlichen gesprochen. Sie berichten im Film über ihre Vision für ihre Städte und wie sie diese Visionen mutig und beharrlich umgesetzt haben. Heute sind Paris, Gent, Utrecht oder Kopenhagen nicht nur Leuchttürme einer zukunftsfähigen Verkehrspolitik, sondern auch Städte mit hoher Lebensqualität.
Bürgermeisterin Ann Kathrin Traub formulierte ihre Vision für Bad Boll so: Alle Verkehrsteilnehmer sollen gleichermaßen gute Bedingungen haben. Aber kann das mehr sein als ein frommer Wunsch, wenn der öffentliche Raum und die kommunalen Mittel begrenzt sind? In den Fahrradstädten aus dem Film wurde der knappe Platz zugunsten des Fahrrads umverteilt. Die niederländischen Städte Houten und Groningen haben die Verkehrsführung so umgestaltet, dass Fußgänger und Radler direkt ans Ziel kommen, während Autos Umwege in Kauf nehmen müssen. In Utrecht parken Bewohner und Besucherinnen ihre Autos in Parkhäusern am Stadtrand, weil das Parken in der Innenstadt sehr teuer ist. In Paris musste eine städtische Schnellstraße entlang der Seine der längsten Fußgängerzone der Stadt weichen.
"Aus Parkplätzen wurden Parks und Plätze", berichtet Perowanowitsch aus Paris, wo die Verkehrswende besonders schnell voranschreitet. In den letzten 10 Jahren wurde dort der Fahrradanteil von nahe Null auf 15 % gesteigert, auch weil etwa die Hälfte der Parkplätze umgewandelt wurden. Autos sollen nicht aus der Stadt verbannt werden, aber Autofahrten sollen auf ein notwendiges Maß beschränkt werden.
In Amsterdam gaben 1972 Kinder den Anstoß. Sie protestierten, weil sie in den Straßen nirgends mehr spielen konnten. Nachdem ein Kind totgefahren wurde, schlossen sich die Erwachsenen dem Protest an - bis die Politik reagierte. Heute pendeln mehr als die Hälfte der Menschen dem Fahrrad zur Arbeit.
Die Stadtplanerinnen dieser Städte denken aber schon weiter: weg vom Effizienzdenken und zurück zum menschlichen Maß. Städte sollen ein gutes Leben ermöglichen, ohne dass ihre Bewohner auf schnelle Mobilität angewiesen sind. Denn auch in einer Fahrradstadt ist ein Großteil der Flächen für Mobilität vorgesehen. Es gibt zu wenig Grün, zu wenig Platz für Kinder, zu wenig Platz, wo sich Menschen einfach treffen können. In Utrecht wird an der 10-Minuten-Stadt gearbeitet: Alle Funktionen des täglichen Bedarfs sollen innerhalb von 10 Minuten zu Fuß, mit dem ÖPNV oder mit dem Fahrrad erreichbar sein: Kindergärten, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Kino, Theater.
Nach ihrem Erfolgsrezept gefragt, nannten die Stadtplaner im Film diese Punkte:
- Vor Wahlen muss ein klares Leitbild kommuniziert und konkrete Vorhaben formuliert werden. In Paris und Gent wurden mit mutiger Verkehrspolitik Wahlen gewonnen.
- Wer als Bürgermeister Widerstand fürchtet, hat den falschen Job gewählt. Bei jeder Veränderung gibt es Widerstand, mit dem umgegangen werden werden muss. Politiker*innen sollten mehr über die gerechte und lebenswerte Stadt reden, die der Mehrheit der Leute wichtig ist, als über die Bedenken einer lauten Minderheit. Irgendwann ist der Widerstand überwunden.
- Eine positive Vision der Stadt und soziale Themen wie Inklusion oder Verkehrssicherheit sollen in den Vordergrund gestellt werden. Radverkehr ist auch ein Mittel zur Teilhabe.
- Gute Beispiele aus anderen Städten und Modellprojekte begegnen den Widerständen. Die Menschen müssen sich eine andere Stadt vorstellen können und sich an Veränderungen gewöhnen.
- Verschiedene Ressorts in den Stadtverwaltungen müssen zusammenarbeiten und Win-win-Situationen kreieren. Die Vorteile müssen erlebbar sein. In Paris z. B. hat sich die Luftqualität um 40 % verbessert.
- Mutig sein und durchziehen! Viele erfolgreiche politische Strategien hatten zu Anfang keine Mehrheiten.
In der anschließenden Diskussion mit Moderator Florian Jung von der Grünen Liste, Bürgermeisterin Ann Kathrin Traub, Carmen Ketterl vom ADFC und dem Filmemacher Ingwar Perowanowitsch wurde deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen diesen Fahrradstädten und den Gemeinden im Landkreis sind. Das Fahrrad spielt im Landkreis noch eine sehr untergeordnete Rolle. In kleineren Kommunen sind die Rahmenbedingungen etwas andere, aber auch die gesellschaftliche Stimmung und der politische Wille sind wenig fahrradfreundlich. Perowanowitsch empfiehlt den Kommunen, ihren eigenen Weg zu suchen. Wer ideale Bedingungen für Fahrradfahrer schafft, ermöglicht nachhaltige Mobilität auch ganz ohne Verbote. Dabei gewinnen alle: die Städte und Gemeinden gewinnen Lebensqualität, die Menschen sparen Geld und sind fitter und gesünder, Klima und Umwelt gewinnen sowieso. Und auch für die Autofahrenden gibt es etwas zu gewinnen, denn wenn weniger Autos unterwegs sind, haben die restlichen Autos mehr Platz.







